Vom Laufbeginner zum Halbmarathon Finisher.

25.10.2017

“Komm schon beißen jetzt”, “gleich geschafft”, “zieh zieh zieh” – das sind Schlagwörter, mit denen ich normalerweise meinen Klienten im Personal Training von der Seite ankrakehle, um sie noch ein Stückchen weiter zu pushen.

Auf einmal bin ich in der Situation, mir diese Sätze selbst zu sagen.Wie ein Mantra wiederhole ich die motivierenden Sätze ab Kilometer 17, um meine letzten Reserven zu mobilisieren. Ich habe mich für meinen ersten Halbmarathon überhaupt angemeldet, nachdem ich letztes Jahr im Sommer gerade erst Mal mit dem Laufen angefangen habe.

Als Personal Trainerin und Athletin brauche ich immer neue Herausforderungen. Der Beginn eines Sportstudiums und die dafür erforderliche Aufnahmeprüfung, war also im Jahr 2016 meine persönliche Challenge.

Gesagt, getan, gelaufen, geschafft. Hallo 2017- warum nicht das Laufen weiter im Trainingsplan behalten und ein sportliches Ziel setzen, dass wieder so einiges von mir abverlangt?

21.1 km verlangen tatsächlich einiges von mir ab, denn ich bin eigentlich im Krafttraining zu Hause.Muskeln aufbauen, Gewichte heben, beim Breakdance auf einer Hand stehen, das ist mein Ding.

Aber lange Strecken laufen? Die erste Zeit meiner Vorbereitung für den Halbmarathon war eine Mischung aus Motivations – Schlaglöchern, Schmerzen und Genörgel und himmelhochjauchzender “ich kann alles schaffen was ich mir vornehme”- Euphorie.Der Steigerwald war mein auserwählter Playground. Berganläufe, lange Wege, kühlender Schatten, frische Waldluft und vor allem Schutz vor den Blicken von Fußgängern..  Ich atmete manchmal so laut, dass ich das Gefühl hatte, die Leute drehen sich 5 Meter vor mir um, um mich von hinten anschlurfendes Rhinozeros bemitleidend durchzulassen. Zum Glück bietet der Steigerwald so einige kleine Wege, die weniger belebt sind und man ganz für sich ist. Ich knackte Stück für Stück meinen persönlichen Kilometertacho. 12 km, 14, 16, 18.. Check.

Als ich endlich die 19 km am Stück schaffte dachte ich, jetzt kann es nicht mehr so schwer sein.

Ich screenshotete mir die Strecke des Erfurter Nachtlaufs aus dem Netz und lief zum ersten Mal 21.1 km als Generalprobe. 4 Runden in und um die Altstadt. Start war oben auf dem Petersberg. Ein paar erleichternde Kilometer ging es erst einmal bergab, vorbei am “Klein Venedig” gerade zu auf die Krämer Brücke („schön“, dachte ich mir zur “Generalprobe”, denn da war ja noch nichts abgesperrt und die Stadt voll von Passanten, die mir, dem schnaufenden Rhinozeros, verstörte Blicke zuwarfen), weiter Richtung “Lange Brücke” bis zum Theater, neben dem man dann schon tröstend den Petersberg sah, in dem Wissen, man hat die erste Runde geschafft.

Dieses kurzzeitige Hochgefühl hielt aber nur bis zum Fuß des Petersberges. Denn dessen geschlängelten Weg hoch zur Burg musste man noch überwinden. Meine einzige Überlebenschance – Pace drosseln, atmen, langsam machen und oben bei der Trinkstation der Ohnmacht vorbeugen. Oben angekommen, fing alles von vorn an.

Laufen macht Spaß haben sie gesagt. Laufen macht frei haben sie gesagt.. Die letzten Wochen vor dem HM lief ich dann nur noch und stellte das Krafttraining hinten an. Ich brauchte sämtliche Reserven und die Power, um die Vorbereitung zu wuppen und mich voll und ganz auf mein Ziel zu konzentrieren.

Mein Körper hat sich dadurch minimal verändert. Ich habe etwas an meiner geliebten “Kantigkeit” verloren, meine Muskel Masse hat sich um ein paar cm verabschiedet und ich war am Ende etwas leichter.

Alles in allem eine mir völlig fremde Trainingsbelastung, aber eine tolle Erfahrung.

Es ist so viel bequemer, sich in den Bereichen aufzuhalten, die einem gut liegen. Sich jedoch mit etwas zu beschäftigen, dass außerhalb unserer comfort zone liegt und zu Arbeit führt, macht bitteschön ja auch gar keinen Spaß. Zumindest nicht am Anfang. Routine und Wiederholung bringen Schritt für Schritt Ergebnisse.

Und irgendwann schnauft man auch gar nicht mehr so laut. Dann wird aus einem Rhinozeros eine schnittige Gazelle. Oder irgendwas dazwischen.

Der Nachtlauf war also nicht nur ein Highlight, weil er mein erster Halbmarathon war, sondern weil man wieder am eigenen Leib gespürt hat, wie der Sport verbindet. Von den Helfern bis zu den Veranstaltern, über die Menschen, die am Streckenrand standen und einen unbekannter weise zugejubelt haben -alle haben sich wahnsinnig Mühe gegeben und waren mit Herz und Motivation bei der Sache. Alle mit der selben Leidenschaft für Bewegung.

Man war als Läufer auf einmal kein Einzelkämpfer mehr, sondern Teil eines großen Events zwischen Gleichgesinnten, mitten in der Erfurter Altstadt. Kinder, Jugendliche, Alt und Jung starteten in den verschiedenen Kategorien und haben ihren persönlichen Erfolg als Finisher im Ziel gefeiert.

Ich kam nach 2 Stunden und 4 Minuten an und bin wirklich zufrieden mit meiner Zeit. 4 Runden geschafft, 4 anspruchsvolle 5 km über Pflasterstein und durch enge Altstadt Gässchen.

Die Kulisse entschädigte für alle Wehwehchen.

Als Dresdnerin und zugezogene fühlte ich mich durch diesen Lauf noch mehr mit Erfurt verbunden und kann jeden, ob als Heimspiel oder nicht, nur empfehlen eine Stadtlauf in Angriff zu nehmen!

Stimmung, Kulisse, Aufregung, Erlösung im Ziel, Endorphine und Gemeinschaft sind Schlagwörter, die mir dafür einfallen. Ob ich nochmal einen Halbmarathon oder irgendwann vielleicht auch mal einen Marathon laufe, kann ich nicht sagen. Aber das Laufen bleibt neben Squats und Liegestütze weiterhin Teil meines Trainingsplans. Und zum Glück gibt es auch Läufe, die Muskelkraft und Ausdauer verbinden – den Hamburger Urbanathlon (jetzt “Urban Challenge”) bin ich letztes Jahr schon gelaufen und habe in dem Bereich definitiv Feuer gefangen.

Nur die langen Strecken, die überlasse ich fürs erste den Gazellen und gehe erst einmal wieder an die Gewichte.

Mein “Eisenmangel” ist nämlich ganz schön hoch. Also, Lauf – oder Fitness Schuhe anziehen, Ziele setzen und durchstarten! Denn nicht vergessen : ein Diamant ist ein Stück Kohle, dass Ausdauer hatte.

Es lohnt sich, durchzuhalten.