ROAD TO ATHENS

05.12.2017

Alles begann mit einer Alsterrunde.

Ich hatte Lust, mit möglichst wenig Equipment wieder ins Training einzusteigen. Kurz zuvor von Köln nach Hamburg gezogen, wollte ich optimalerweise an der frischen Luft trainieren, als Ausgleich zur sitzenden Tätigkeit im Praktikum für den Master an der Sporthochschule Köln. Ein sehr guter Freund hatte mich dazu überredet, mal wieder zusammen zu laufen. So eine Runde um die Außenalster sollte ja nicht zu schwer sein, dachte ich mir?! … Doch dann, nach nur 5 Kilometern: Krämpfe in beiden vorderen Oberschenkeln. Das Tempo für die restliche Strecke sogleich stark reduziert.

“Wat war da denn los, Junge? Nur noch am Stemmen aber keine Ausdauer mehr, wa?“, kommentierte mein Kumpel. Wir lachten kurz über die Situation und bewerteten meine miserable Ausdauerleistung mit Humor, aber mich beschäftigte es plötzlich die folgenden Tage stark: Ich wollte ihm – und ganz besonders MIR – beweisen, dass ich Laufen kann!

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Wir trafen uns regelmäßiger zum Laufen und es wurde bereits mit den nächsten Einheiten deutlich besser. Na also, geht doch. Er selbst befand sich in der Marathonvorbereitung für Köln und peilte eine Zeit unter 3 Stunden an! Dementsprechend waren die Alsterrunden knackig – zumindest für mich! Unglücklicherweise zog er sich nach einem seiner längeren Läufe eine Verletzung zu, sodass er doch nicht am Marathon teilnehmen konnte. Sehr ärgerlich und es tat mir sehr leid für ihn, da ich weiß wie ehrgeizig er ist und wie sehr er das gesetzte Ziel erreichen wollte. Trotzdem stand oft noch das Thema Marathon im Raum und ich fragte mich daraufhin : “Warum läufst du nicht einfach mal einen?” Mein Freund meinte, ich sollte mir für die Premiere lieber keine großen zeitlichen Ziele stecken, aber ein Marathon-Finish sollte kein Problem sein.

Ich schaute mich im Netz um und dachte mir: „Wenn ich schon einen laufe, dann will ich auch einen Bedeutenden mitnehmen.“ Meine Freundin und ich hatten zwei Wochen zuvor einen Urlaub vom 4. bis 14. November in Griechenland gebucht. Alle Marathon-Events in Deutschland waren für meine (doch eher spontane) Idee noch etwas zu früh und würden mir nur ca. 8 Wochen Vorbereitungszeit geben. Definitiv zu wenig Zeit für ein gezieltes Training, das war mir klar!  Ich schlug mir die Idee aus dem Kopf:  Vielleicht im nächsten Jahr – wohl besser so. Und dann fiel es mir wieder ein: “Basiert nicht jeder Marathon auf der Geschichte Griechenlands? Der Bote, der die Nachricht über den Sieg der Athener gegen die Perser nach Athen überbringt?… Das wäre ein absolut geiles Erlebnis für den ersten Marathon! Wann der wohl sein mag?” Und dann, siehe da: am 12. November 2017! Urlaubszeitraum. Schicksal? Es sollte wohl so sein. „Den nimmst du auf jeden Fall mit – jetzt oder nie!“

Die nächsten Wochen trainierte ich gezielter und fragte meinen Kumpel um Rat bei den Trainingseinheiten. Er begleitete mich auf dem Rad bei meinem ersten 30km Lauf im Norden Hamburgs. Der auf Vorschlag angepeilte Schnitt: 5:20 Minuten pro Kilometer. Lange Zeit ein komfortables Tempo, bekam ich es am Ende als unerfahrener Marathonläufer doch zu spüren. Alles über 20km war für mich Neuland. Weitere Einheiten, Laufintervalle sowie Langläufe führte ich selbstständig durch. Das Projekt lief gut und ich konnte mir sogar einen Finish unter 4 Std. vorstellen trotz anspruchsvoller Strecke in Griechenland. Die letzte Einheit in Hamburg bildete ein langer 30km Lauf circa 2 Wochen vor dem Wettbewerb. Ich bekam leichte Kniebeschwerden nach 27km, dazu Krämpfe im hinteren Oberschenkel. Ich fragte mich, ob ich mich zu schnell in Richtung Marathondistanz bewegt hatte?

Keep calm – erstmal Urlaub genießen und Beine still halten. Griechenland hatte uns mit schönem Wetter empfangen und wir konnten noch eine gute Woche abschalten. Weitere 3 entspanntere Laufeinheiten konnte ich einbauen. Eine davon im Stadion Spartas – eine motivierende Atmosphäre. Die griechische Mythologie war überall zu spüren auf unserer Reise, vor allem in Sparta. Es galt den Laufrhythmus und das Tempo beizubehalten, aber das Knie war immer leicht nach 5 bis 10 Kilometern zu spüren. Mir war das egal: Ich trainierte an diesem Tag im Schatten von König Leonidas! „Das ist Sparta – Mir kann keiner was!“

Die nächsten Tage genossen wir noch weitere schöne Orte Griechenlands bevor wir uns auf den Weg nach Athen machten. Alles war entspannt bis zum Abend vor dem Lauf. Auf einmal war nichts mehr mit mir anzufangen. Ich war super nervös und mir gingen plötzlich so viele Fragen durch den Kopf:

„Hast du genug dafür gemacht?”

“Die Strecke ist verdammt anspruchsvoll – ernsthaft unter 4 Stunden?”

“Hält das Knie über die Distanz?”

“Wann fängt es wohl an zu schmerzen?”

“Wie wirst du die Hügel verkraften?”

“Ab wann setzen die Krämpfe diesmal ein?“

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So viele Gedanken, die mich beschäftigten. Ich musste einfach ins Bett und wollte keinen mehr sprechen. Zum Glück war ich müde und konnte etwas Schlaf finden.

Race Day

04:45 Uhr – Aufstehen – Frühstücken – Anziehen – Alles checken – Ab zum Shuttle-Bus im Zentrum Athens.

Nach 30min Fahrt zum Stadion in der Stadt Marathon dauerte es noch ca. 2 Stunden, bis das Rennen losgehen würde und jeder hatte bis dahin die Möglichkeit, sich im Stadion Marathons aufzuwärmen. Trotz der vielen Menschen kehrte Ruhe ein. Die Nervosität nahm ab und ich konnte wieder durchatmen. Die Sonne zeigte sich. Es wurde ein wunderschöner Morgen. Ich sagte mir: „Jetzt bist du hier. Du hast die letzten 3 Monate daraufhin gearbeitet und jetzt stehst du im Stadion von Marathon. Mach es zu deinem Rennen – lass es ein besonderes Erlebnis für dich sein und sei dankbar dafür teilnehmen zu können.“

Ab diesem Zeitpunkt war alles entspannt. Ich fühlte mich richtig gut. Alles war gelockert und warm. Das Wetter spielte mit und die Stimmung war einfach toll. In den Gesichtern der anderen Athleten war Freude und Stolz zu erkennen, weil man ein Teil dieses historischen Ereignisses werden würde, wir wünschten uns gegenseitig alles Gute für das Rennen. Die ersten 5 Startblöcke waren unterwegs. Ich konnte mich glücklicherweise in meinem Block weit vorne positionieren für einen „freien“ Start.

Die letzten Atemzüge. „Gleich ist es soweit. Ein langer Weg steht dir bevor. Machst du schon … auf geht’s.“ Peng ! Startblock 6 ist unterwegs !

Meine Taktik:

1. Die ersten 10km mit einem 5:00 min/km Schnitt – etwas Zeit gutmachen.

2. Die Anstiege zwischen Kilometer 10 bis 31 mit 5:20 min pro Kilometer.

3. Die letzten flachen 10km einen 5:30 min/km Schnitt beibehalten oder sogar nochmal schneller werden.

(Hier klicken für das Streckenprofil des Athen Marathons)

Ich suchte mir schnell eine Gruppe von Läufern, die meinen gewünschten Schnitt lief. Ich fand einen älteren Herrn, an den ich mich hängen konnte für die ersten 10km. Danach war ich auf mich alleine gestellt. Mein Knie meldete sich bereits nach 12km, aber ich konnte weiterlaufen. Ich spürte es ab diesem Zeitpunkt durchgehend, aber es war mir egal – der Wille, die ganze Strecke zu überstehen war so viel größer. Die Anstiege hatte jeder anders verkraftet. Ich konnte mich gut durchboxen und den Schnitt für lange Zeit aufrechthalten. Viele sind wortwörtlich liegen geblieben auf halber Strecke – mich motivierte das nur weiter, es bis ins Ziel zu schaffen.

„Nichts und niemand hält mich heute auf meinen Fuß in das Athener Panathinaiko-Stadion zu setzen und die Medaille entgegenzunehmen!“

Alles lief rund bis kurz vor Kilometer 31 – der letzte Hügel bevor es nach Athen-Zentrum ging.

Hier hat es viele Athleten rausgehauen. Ich „überlebte“ ihn zwar, aber nach der ganzen Arbeit zuvor kostete er sehr viel Kraft. Ich musste die Geschwindigkeit reduzieren und die Verpflegungsstation ließ länger auf sich warten. Auch wenn die nächsten 10km flach bzw. etwas abschüssig verliefen, waren es die härtesten, die ich jemals in meinem Leben gelaufen bin. Eine richtig fiese Strecke – anders kann man sie nicht beschreiben.

Ich bin tatsächlich die komplette Strecke gelaufen bis zur Verpflegungsstation nach 32.5km, wo ich für 20sec gehend alles einsammelte und reinschüttete was mir angeboten wurde. Zwar hatte ich glücklicherweise noch keine Krämpfe, aber ich wusste dass die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass sie sich im letzten Abschnitt doch anschleichen könnten – deswegen gut auftanken & durchhalten.

Ich hoffte nochmal hintenraus zu „ballern“, wie manche meiner Hamburger Laufkollegen und Kolleginnen es beschreiben, wenn nochmal aufs Pedal gedrückt wird. Ich aber hatte meine Beine nicht nur gefühlt bei den Abstiegen abgeschossen: Ich konnte keine Sekunde mehr gutmachen und war froh, dass ich noch unter einem Schnitt von 6:00 min/km laufen konnte.

Die letzen 5 Kilometer. Da waren sie. Krämpfe. Anfangs hatte es sich angefühlt, als ob mir immer wieder jemand willkürlich Nadelspitzen in die Muskeln steckte und dann schnell wieder rauszog. Doch dann verweilten manche Nadelspitzen länger im Körper. Ich krampfte ab 38km. „Nicht jetzt. Das kann nicht sein. Lauf weiter. Du bist noch unter 4 Stunden! Das vergeht wieder! Komm schon!“

Es wurde schlimmer aber ich konnte noch einigermaßen Laufen. Überall zogen sich die leeren Muskeln zusammen. Selbst im Bizeps hatte ich Krämpfe vom ständigen Beugen des Armes. Mein Körper schlug komplett Alarm ! Aber ich wollte nicht aufhören zu laufen. Ich konnte noch einmal an einer Station Wasser, Cola und Powerade tanken – diesmal im Lauftempo, um nicht weitere Sekunden zu verlieren. Alles was mir half die Beine funktionsfähig zu halten: Ich schüttete es rein!

Noch 2 Kilometer – die Menschenmenge an der Strassenseite war unglaublich dichter im Vergleich zu den Kilometern davor. Von einigen Zuschauern wurden Lorbeerkränze an teilnehmende Familienmitglieder gereicht, um bereits „gekrönt“ ins Ziel zu laufen. Die Zusprüche und der Jubel der Zuschauer beflügelte alle Athleten die diesen langen Weg bestritten hatten. Es ist gleich geschafft!

Letzter Kilometer – die Allee zum Stadion verlief bergab und dementsprechend schmerzhaft, aber die Stimmung war einzigartig und half mir, die Schmerzen und Krämpfe zu vergessen. Und dann erschien es nach der letzten Linkskurve – das Panathinaiko-Stadion.

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Ein absoluter Traum – eines der besten Erlebnisse, das ich bisher erleben durfte. Ich hatte die letzten 100m die Arme hochgehalten und war so froh angekommen zu sein. Ich wurde von einem unglaublich stolzen Gefühl eingeholt. In das aus weißem Marmor erbaute Olympiastadion der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit einzulaufen war für mich als sportbegeisterter Mensch ein unbeschreibliches Gefühl.

Der letzte Schritt. Ziellinie. Es war vollbracht.

Über mir laß ich die Zeit: 04:04:56 Stunden. Mit 5 Minuten das zeitliche Ziel verpasst ? Moment … die Uhr am Arm (Nettozeit) sagte 03:54:33 Stunden. „Alles gut Kev … du hast es geschafft! Du hast es nicht nur gesagt, du hast es auch getan! Das kann dir keiner nehmen … Hammer!“

Mit Ansage bewältigte ich den allerersten Marathon in unter 4 Stunden und dann auch noch in Athen! Glücksgefühle holten mich ein. Ich war unglaublich stolz auf meine Leistung. Alle drehten eine Runde im Stadion und durften sich für ein paar Minuten wie Olympioniken fühlen, während die Zuschauer applaudierten.

„Da kommt die goldene Finisher-Medaille – was ist die schön!!“

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Meine Freundin nahm mich danach in die Arme. Eine gute Freundin von uns beiden war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in Athen und wir feierten am Abend zu dritt den erfolgreichen Lauf mit einem griechischen Festmahl im Restaurant: ein perfekter Tag. Es fiel mir wieder ein Filmzitat ein, welches mein Vater und ich schon immer mochten und ich ab jetzt mit diesem Marathon-Erlebnis verbinde:

„Lass Dir von niemanden einreden, dass Du etwas nicht kannst. (…) Wenn andere etwas nicht können, wollen sie dir immer einreden, dass du es auch nicht kannst. Wenn du was willst, dann mach es – Punkt.“

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Ziel erreicht … und was nun? Die nächsten Monate steht die Masterthesis der Sporthochschule Köln im Fokus mit dem Schwerpunkt Krebs und Sport – aufbauend auf meine Bachelorarbeit in diesem Bereich. Ich hoffe ich kann als Sportwissenschaftler und mit meiner neuen Erfahrung sowie Willensstärke in Zukunft auch wieder andere, besonders Menschen mit/nach einer Krebserkrankung, wieder dazu ermutigen, ihre (sportlichen) Ziele zu erreichen und sie auf diesem Weg begleiten, unterstützen, aufbauen und motivieren.

Persönliche Ziele 2018? Einen schnelleren Marathon vielleicht – der Gedanke daran ist auf jeden Fall da! Aber ich möchte mich noch nicht festlegen und lass das Jahr einfach auf mich zukommen. Ich werde euch auf dem Laufenden halten, wenn es soweit ist.

Ein großes Dankeschön an alle Unterstützer und Ausstatter für dieses besondere Projekt!

Ohne euch wäre das alles nicht möglich gewesen.

Bis bald und nicht vergessen den Men’s Health Trainingstar 2018 zu wählen ! 😉

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Ich danke euch!

Peace,

Coach Kev

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Photo Credits: Katrin Schokoeis / Kev Ellison